Fügen

Heimat der Ur-Rainer-Sänger

Vom Zillertal aus trat das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ seinen Siegeszug rund um die Welt an. Es waren hochmusikalische Sängerfamilien, die das Lied in Europa, Amerika und Russland bekannt machten: Heute kennt man sie als „ Zillertaler Nationalsänger“. Eine frühe Druckausgabe in deutscher Sprache, die vermutlich um 1833 in Dresden erschien, führte das Lied sogar als „eines von vier ächten Tyroler Liedern“ an. Lange Zeit ging man davon aus, dass es sich um ein Tiroler Weihnachtslied handle. Am 30. Dezember 1854 stellte Franz Xaver Gruber in seiner „Authentischen Veranlassung“ die Hintergründe der Urheberschaft und der Entstehung richtig. Wie aber kam das Lied überhaupt ins Zillertal? Und von hier aus in die Welt? Die Spurensuche beginnt in Fügen. Denn von hier stammte der Orgelbauer Carl Mauracher.

Carl Mauracher lernte „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Oberndorf kennen

Carl Mauracher (1789 – 1844) war in dritter Generation Orgelbauer in Fügen: Sein Beruf brachte es mit sich, dass er weit herum kam. Gemeinsam mit seinem Vater Andreas Mauracher schuf er etwa die noch heute erhaltene Orgel in der Pfarrkirche von Kötschach in Kärnten, zu weiteren bedeutenden „Mauracher-Orgeln“ zählen unter anderem die Jubiläumsorgel in Bad Ischl, die Orgel in der Hofkirche in Innsbruck oder die Orgel in der Stadtpfarrkirche Graz. Der Orgelbauer aus dem Zillertal war ein gefragter Fachmann seiner Zeit, rund 50 Orgeln gehen auf ihn zurück. Er war es auch, der 1818 den Auftrag aus Oberndorf bei Salzburg erhielt, die Orgel der St. Nikola-Kirche zu reparieren, die zwar noch spielbar, aber überholungsbedürftig war. In Folge dessen reiste Mauracher des Öfteren nach Oberndorf. Nachdem er die Orgel 1819 vorläufig repariert hatte, wurde ein völlig neues Instrument in Auftrag gegeben, das er in den Jahren 1824/25 baute. Auf einer dieser Arbeitsreisen nach Oberndorf lernte Carl Mauracher dort Franz Xaver Gruber und das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ kennen und brachte es mit ins Zillertal.

Die „Ur-Rainer“ im Schloss des Grafen Dönhoff

Als im Dezember 1822 die zwei mächtigsten Herrscher ihrer Zeit – Kaiser Ferdinand I. von Österreich und Zar Alexander I. von Russland – im Schloss des Grafen Dönhoff (heute: Schloss Fügen) zu Besuch waren, bat der Graf die hochmusikalischen Geschwister Rainer darum, seine Gäste mit Volksliedern zu unterhalten. Obwohl die Freude unter Maria, Franz, Felix, Joseph und Anton groß war, schienen sie sich bei dem Gedanken, vor gekrönten Häuptern zu singen, nicht ganz wohlzufühlen. Die erwachsenen Geschwister baten darum, ihr Konzert hinter einem Vorhang abhalten zu dürfen. Der Graf willigte ein und die Gäste sollen sich – so will es die Ortschronik – köstlich amüsiert haben. Vor allem Zar Alexander I. war davon so begeistert, dass er prompt eine Einladung an seinen Hof nach St. Petersburg aussprach. Und tatsächlich traten die Geschwister, die später als „Ur-Rainer“ bezeichnet wurden, ihre große Reise an: Maria, Franz, Felix und Joseph begaben sich auf ihre erste Auslandsreise, bei der zweiten Reise ab November 1825 war dann auch ihr Bruder Anton mit dabei. Da der Zar bereits im Dezember 1825 verstarb, änderten sie allerdings ihre Reiseroute. Sie kamen über Deutschland bis nach Schweden und England, wo sie sogar am englischen Hof auftraten. Die Rainer-Sänger waren eine große Sensation. Bis 1838 tourten sie als erste Tiroler Nationalsängergruppe durch Europa: Ihr letzter gemeinsamer Auftritt fand zur Erbhuldigung von Kaiser Ferdinand I. in der Innsbrucker Residenz statt.

Auf den Spuren von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Fügen:

  • An Carl Mauracher erinnert heute in Fügen eine Grabtafel am Friedhof der Pfarrkirche. Unweit des ehemaligen „Orglerhauses“, in dem sich seit 1740 die Orgelbau- und Tischlerwerkstatt der Familie Mauracher befand, verweist eine Gedenktafel auf den talentierten Orgelbauer und seinen Beitrag zur Verbreitung des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“.
  • Am Friedhof der Pfarrkirche in Fügen findet man ein Denkmal der „Ur-Rainer“ und die Grabstätte der Familie Dönhoff. Eine Gedenktafel an der Südwand des Fügener Schlosses erinnert an den Besuch von Zar Alexander I. von Russland und Kaiser Ferdinand I. von Österreich in Fügen.
  • Der rund einstündige wintertaugliche Fügener Kulturwanderweg führt zu bedeutenden Denkmälern im Ort und endet als Höhepunkt der Runde im Museum in der Widumspfiste bzw. beim Schloss Fügen. Ein guter Ausgangspunkt ist der große Parkplatz Stollenberghof, der am besten über die Ortseinfahrt Nord erreicht wird. Unübersehbar steht dort die erste Sehenswürdigkeit: Der Stollenberghof ist ein dreistöckiges gemauertes Haus, das um 1580 errichtet wurde. In der renovierten Renaissancestube befindet sich das Standesamt, besonders eindrucksvoll ist die Südfassade mit der Sonnenuhr und den originalen Wandmalereien. Der Weg folgt ein kurzes Stück der Hauptstraße talauswärts und zweigt beim Plenggenbachl nach links ab. Nach der Brücke zieht das hölzerne Zinglhäusl die Blicke auf sich. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem 15. Jahrhundert ist eines der letzten von ehemals 37 derartigen Knappenhäusern. Der Weg folgt kurz dem Bach und zweigt dann nach links auf den Panoramaweg ab. Dieser auch nachts beleuchtete Weg mündet in die alte Pilgerroute, die über einige Stufen zur Marienbergkirche führt. Die kleine barocke Rundkirche überrascht mit ihrer großzügigen Ausstattung. Stifter war der vermögende Hammerwerksbesitzer Michael Fieger. Von diesem höchsten Punkt der Runde bietet sich ein passender Abstieg über den teilweise steilen Kapellenweg an. Dieser alte Wallfahrtsweg führt an sieben Marienkapellen vorbei und endet bei der Pfarrkirche bzw. beim angeschlossenen Museum.
  • Im Heimatmuseum in der Widumspfiste ist dem Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ein eigener Bereich gewidmet: Hier findet sich die weltweit größte bekannte Stille-Nacht-Schallplattensammlung. Viele der über 1.000 Tonträger können angehört werden – inzwischen digitalisiert und einfach per QR-Code lesbar. Darunter finden sich interessante Aufnahmen und Versionen in unterschiedlichen Sprachen und Dialekten sowie von bekannten und weniger bekannten Künstlern. Die Schallplatten waren eine Schenkung des Innsbrucker Sammlers Otto Praxmarer.
    Außerdem erfährt der Besucher im Heimatmuseum spannende Details über die Tiroler Nationalsänger aus dem Zillertal und den Orgelbauer Carl Mauracher, über altes Handwerk, heimische Künstler und den Bergbau in Fügen. Zu sehen ist außerdem eine Volkszither aus dem 19. Jahrhundert: Die Zither hatte sich mit den Nationalsängern neben der Gitarre zum prototypischen alpenländischen Instrument entwickelt.
  • Die Theaterproduktion der Steudltenn „Mauracher & Mohr – Lieder und Geschichten rund um die Stille Nacht“ erzählte die weihnachtliche Geschichte rund um den fiktiven Briefwechsel zwischen dem Zillertaler Orgelbauer Carl Mauracher und dem Oberndorfer Hilfspfarrer Mohr. Das Stück wurde in der Festhalle Fügen aufgeführt (15. Dezember bis 17. Dezember 2017).

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