Die Zillertaler Sängerfamilien Rainer und Strasser

Tiroler Natur- und Nationalsänger

Zwei Familien aus dem Zillertal gingen von Tirol aus singend auf Reisen und begeisterten Menschen von Leipzig bis New York und St. Petersburg für volkstümliche Musik: Es waren das die Familie Rainer aus Fügen und die Geschwister Strasser aus Hippach. Sie waren Mitbegründer der Tiroler Natur- und Nationalsängertradition und zählen zu deren bekanntesten Vertretern. Zu ihrem Repertoire gehörte auch das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Wenn also heute zu Weihnachten überall auf der Welt das berührende Lied angestimmt wird, ist das auch der Verdienst dieser Sängergruppen.

Die Geschichte der beiden singenden Familien und ihrer Verbindung zum berühmtesten Weihnachtslied der Welt beginnt mit dem Orgelbauer Carl Mauracher aus Fügen. Nach Überlieferungen war er in den Jahren 1824/25 in der St. Nikola Kirche in Oberndorf bei Salzburg mit dem Neubau der Orgel beschäftigt und brachte das Lied von dort mit ins heimatliche Zillertal. Dort verbreitete es sich schnell und wurde gerne zu feierlichen, weihnachtlichen Anlässen gesungen.

Die talentierten Geschwister Strasser singen das Lied in Deutschland

Die Geschwister Strasser waren die ersten, die das Lied nachweislich als Sängergruppe vortrugen. Die Familie stammte aus Laimach bei Hippach. Der Vater, Lorenz Strasser, war Bauer, Krämer und Handschuhhändler. Gemeinsam mit seinen Kindern lebte er im heute noch erhaltenen „Strasserhäusl“. Strasser war fahrender Händler und zog während der Wintermonate mit seinen Waren auf die wichtigsten deutschen Märkte wie etwa Leipzig oder Berlin. Seine sangeskundigen Kinder Anna (geboren im Jahr 1802), Josef (genannt Peppi, geboren im Jahr 1807), Amalie (geboren 1809), Caroline (geboren 1813) und Alexander (geboren 1794, er verstarb allerdings bereits 1831) begleiteten ihn dabei. Sie sangen – stets in Tracht gekleidet – Tiroler Nationallieder, um die Kundschaft anzulocken. Die Geschwister sollen Überlieferungen zufolge bereits im Jahr 1831 erstmals am Weihnachtsmarkt in Leipzig „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ gesungen und das Lied auch während der Weihnachtsmette in der königlich-sächsischen Hofkapelle der Pleißenburg vorgetragen haben.

Großer Erfolg von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ 1832 in Leipzig

Im Dezember 1832 kündigte eine Annonce im Leipziger Tageblatt ein Konzert der Geschwister Strasser im Hotel de Pologne an. Es ist belegt, dass bei diesem Konzert neben den Tiroler Liedern auch das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ gesungen wurde. Verleger August Robert Friese aus Dresden publizierte (vermutlich 1833) die „Vier ächten Tyroler Lieder“, die Nummer vier ist das berühmte „Stille Nacht! Heilige Nacht!“.

Nach dieser Veröffentlichung folgten weitere Druckausgaben von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Deutschland. Und obwohl das Lied unwiderlegbar aus Salzburg stammt, galt „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ lange als Tiroler oder Zillertaler Volkslied. Das lag daran, dass die Geschwister Strasser die ursprüngliche Melodie nach ihrem Geschmack umgeformt und neu zurechtgesungen haben. So wurde aus dem schlichten Kirchenlied ein Volkslied, das durch Drucke, aber auch durch viele andere – vornehmlich Tiroler – Sängergruppen auf der ganzen Welt bekannt wurde.

Konzertreise der Geschwister Strasser

Nach ihrem großen Erfolg in Leipzig zogen die Strasser-Geschwister als reisende Sängergruppe durch Deutschland. Sie traten unter anderem in Dresden, Berlin und Königsberg auf. Ihre ergreifende Darbietung des Weihnachtsklassikers inspirierte auch andere: Der Berliner Domchor übernahm das Lied nach einem Auftritt der Strasser-Familie in sein Repertoire. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. kürte es sogar zu seinem Lieblingslied. Nach dem frühen Tod von Amalie Strasser im Jahr 1835 traten die Geschwister Strasser nicht mehr öffentlich auf. Das Musikstück aber setzte seine Reise um die Welt fort.

Die Ur-Rainer legten den Grundstein für den Erfolg

Im Jahr 1839 machte sich ein weiterer Zillertaler auf, um die volkstümliche Musik in die Welt hinauszutragen: Ludwig Rainer aus Fügen. Er war damals erst 18 Jahre alt und wollte mit seinem Rainer-Quartett – auch als „The Rainer Family“ bekannt – Amerika bereisen.

Ludwig Rainer (geboren 1821) entstammte der berühmten Sängerfamilie Rainer. Die erste Generation die sogenannten „Ur-Rainer“, hatte bereits große Erfolge als reisende Sängergruppe gefeiert. Sie traten von 1824 bis 1839 gemeinsam auf. Die Gruppe bestand zunächst aus vier Mitgliedern: Den Geschwistern Maria (geboren 1788), Felix (geboren 1792), Franz (geboren 1794) und Joseph (geboren 1800) Rainer. Später ging noch ein weiterer Bruder, Anton, mit auf Reisen. Der Familiengesang entstand – so wird es überliefert – als die Ur-Rainer auf Schloss Fügen für den österreichischen Kaiser Franz I. und den russischen Zaren Alexander I. sangen. Der Zar war von ihrem Talent so beeindruckt, dass er sie nach St. Petersburg einlud. Diese Reise glückte zwar nie, doch die Geschwister Rainer konnten über Empfehlungsschreiben in ganz Europa von Hof zu Hof reisen und traten vor Fürsten und Königen auf. 1827 wagten die Ur-Rainer schließlich die Reise nach England. Ihre Auftritte fanden großen Anklang: Klaviervirtuose Ignaz Moscheles übersetzte die beliebtesten Lieder ins Englische und veröffentlichte die Tyrolean Melodies. König George IV. ließ die Geschwister Rainer sogar mehrmals am Hof auftreten. Die Zillertaler lernten auch die zukünftige Königin Victoria kennen, zu deren Krönungsfeierlichkeiten sie 1838 erneut nach England reisten. 1839 traten sie das letzte Mal öffentlich auf.

 Ludwig Rainer setzte das Erbe der Ur-Rainer fort

Um an den großen Erfolg der ersten Generation anschließen zu können, wurde die Gruppe rund um Ludwig Rainer sogar professionell gecastet. Mit ihm gingen schließlich seine Cousine Helene Rainer, Margarethe Sprenger und Simon Holaus auf Tour.

1839 brachen sie zu ihrer Amerika-Tournee auf, die bis 1843 dauerte. Die Reise führte von Boston nach New York und weiter nach St. Louis und Philadelphia. Wahrscheinlich ist, dass am Weihnachtsabend 1839 in New York vor dem Hamilton Monument auch das erste Mal „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Amerika gesungen wurde.

War die erste Generation der Rainers noch über Empfehlungsschreiben gereist, organisierte sich die „Rainer Family“ nun professionell. Nach der erfolgreichen Konzertreise, in der mitunter auch die Besetzung gewechselt wurde, reiste Ludwig Rainer als Tiroler Nationalsänger weiter durch Europa. Mit unterschiedlichen Gruppen trat er unter anderem in Paris, in norddeutschen Städten, in der Türkei und auch in St. Petersburg auf. Am Achensee in Tirol baute er nach seiner Rückkehr den Seehof, ein Hotel, in dem das Tiroler Liedgut stets gepflegt wurde. Er starb 1893.

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